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Gute Güte, Göthe - Leseprobe

Leseprobe

Goethe und sein Walpurgissack

Je älter und kälter Goethe wurde, desto sicherer und souveräner wußte er zu urteilen. Auf nichts nahm er mehr Rücksicht, Pardon wurde keinesfalls gegeben. „Er verknöchert und verhärtet wirklich und wird auch entsetzlich intolerant und im Gespräch maniriert“, notierte sichtlich pikiert Wilhelm von Humboldt, der Bruder des legendären Strombenenners.

Bye, bye, Höflichkeit, Toleranz leck mich am Arsch. Mit feurigem Furor drohte der Großdichter: „Ich piß in die Stubb!“ und ging, die Arme im Wutstarrkrampf hinter dem Rücken verschränkt, nervös im Junozimmer auf und ab. Keine Ruh ward ihm gegönnt. Nein, er hatte „alle Hände voll zu thun um den Mist beiseite bringen zu können“. Herrjesses! Was man auch wegschaffte und im Handstreich erledigte – es wuchsen „täglich neue Beschwerden, und niemals mehr als wenn man Eine glaubt gehoben zu haben“.

Ja, scheißdochrein!

Ein ums andre Unwetter braute sich im Haus am Frauenplan zusammen, ein Greis grantelte vor sich hin, und ein junger Johann Daniel Falk merkte genau auf und notierte sich alles:

„Ja, wenn ich es nur je dahin noch bringen könnte, daß ich ein Werk verfaßte – aber ich bin zu alt dazu –, daß die Deutschen mich so ein funfzig oder hundert Jahre hintereinander recht gründlich verwünschten und aller Orten und Enden mir nichts als Übles nachsagten: das sollte mich außer Maßen ergetzen.[...] Vollends, wenn mein Walpurgissack nach meinem Tode sich einmal eröffnen und alle bis dahin verschlossenen, stygischen Plagegeister, wie sie mich geplagt, so auch zur Plage für andere wieder loslassen sollte.“

Das war Goethes großes Geheimnis; und wir wären nicht die Aufdecker und Aufklärer, die wir sind, wenn wir nicht auch dieses noch restlos aufdeckten und -klärten: Goethe war nicht nur ein Sack, er hatte auch noch einen, in den er alles reintat!

Nicht reinweg alles natürlich. Was ihm an Notaten überhaupt nicht mehr paßte, das verbrannte er, aber was er nicht verbrannte, jedoch auch nicht drucken lies, das sekretierte und stopfte er in große leinerne Säcke; wo es auch später von den Herausgebern im Namen Sophiens gefunden wurde.

Und diese – aber entschuldigen Sie, Herr Geheimrat, wir haben Ihnen ja das Wort abgedreht: „Der Walpurgissack ist eine Art von infernalischem Schlauch, Behältnis, Sack, oder wie Ihr’s sonst nennen wollt, ursprünglich zur Aufnahme einiger Gedichte bestimmt, die auf Hexenszenen im ‘Faust’, wo nicht auf den Blocksberg selbst, einen nähern Bezug hatten. Nach diesem, wie es zu gehen pflegt, erweiterte sich diese Bestimmung ungefähr, sowie die Hölle auch von Anfang herein nur einen Aufenthalt hatte, späterhin aber die Limbusse und das Fegefeuer als Unterabteilungen in sich aufnahm. Jedes Papier, das in meinem Walpurgissack herunterfällt, fällt in die Hölle; und aus der Hölle, wie Ihr wißt, gibt es keine Erlösung.

Es brennt da unten ein unverlöschliches Fegefeuer, was, wenn es um sich greift, weder Freund noch Feind verschont. Ich wenigstens will niemand raten, ihm allzu nahe zu kommen. Ich fürchte mich selbst davor.“

Wir jedoch fürchten uns nicht und greifen beherzt in den schon aufgeschnürten Höllensack. Und staunen nicht schlecht: dick und feist und prall ist dies frappante Futteral.

Sauerkraut, Sardellen, Kirschkerne usw.

Goethe aß wenig, fast nichts. Dafür aber oft, und wenn, dann reichlich. Dieses schöne Hobby wurde besungen („Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort“) und herzhaft in die Tat umgesetzt: „Er frisset entsetzlich“, würgt, den Bissen vor Schreck noch im Halse steckend, Jean Paul hervor. Guten Appetit!

Auftischen konnte man ihm so einiges, keinesfalls aber Sauerkraut. Der Mitesser Falk berichtet: „Goethe aß zuweilen bei der Herzogin Amalia zu Tiefurt zu Mittag. Er beschwerte sich, daß der Mundkoch Goullon so oft Sauerkraut vorsetze. Eines Tages, da man ihm wieder Sauerkraut aufgetischt hatte, stand er voll Verdruß auf und ging in ein Nebenzimmer, wo er ein Buch aufgeschlagen und auf dem Tisch liegen fand. Es war ein Jean Paulscher Roman. Goethe las etwas davon, dann sprang er auf und sagte: ‚Nein, das ist zu arg! Erst Sauerkraut und dann fünfzehn Seiten Jean Paul! Das halte aus, wer will!‘“

Viel willkommener als der eingestampfte Weißkohl war jederzeit ein gutes Gemüse. „Als Artischocken aufgetragen wurden“, berichtet uns der Artischocken-Laie Ernst Schuchardt, „mochte Goethe wohl bemerken, daß ich über die Behandlungsweise derselben verlegen war, und belehrte mich, wie dieselben zu essen seien. Wie er erzählte, hatten ihm seine Verwandten diese aus Frankfurt geschickt und ihm dadurch eine sehr große Freude gemacht.“

Wie die Freude überhaupt stets groß war, wenn von fern her Blut- und Mettwürste, Schleckwerk, Schokolade und Wein angekarrt wurde. Immer rin damit in die Kartoffeln! „Überhaupt schien er in diesen Fächern ziemlich bewandert zu sein, sprach mehreres vom Essen und aß selbst mit ziemlichem Appetite.“ Vor allem selbst zubereiteten Salat: „Während er dann selbst einen Salat zubereitete, versicherte er, einen neuen Salat erfunden zu haben aus eingemachten Gurken.“

Und bist du nicht willig, so brauch ich Salat. Verwunderlich nur, daß Gurkensalat gereicht wurde. Wahrscheinlich waren mal wieder keine Sardellen im Hause, denn der war immer noch und ganz unangefochten in Goethes Leibspeisencharts auf Platz 1; und wurde sogar bedichtet:

Die Welt ist ein Sardellen-Salat;
Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat:
Citronen-Scheibchen rings umher,
Dann Fischlein, Würstlein, und was noch mehr
In Essig und Öl zusammenrinnt,
Kapern, so künftige Blumen sind –
Man schluckt sie zusammen wie Ein Gesind.

Ein Glück, daß dieses salzige Gemenge sogleich verspeist wurde – so konnte es nicht erst die Luft in Goethes Arbeitszimmer verpesten und zahlreichen Besuchern den Atem verschlagen. Uns berichtet Ida Freiligrath, die als Kind oft bei den Goethes abhing: „Einmal gab er uns Geld und den Auftrag, von den längsten der Zwiebelrespen, die wir finden könnten, einzukaufen und ihm zu bringen. Es war Zwiebelmarkt, und eine ungeheure Menge dieser beliebten Südfrucht vor Goethes Hause angeboten. Wir [...] wählten die schönsten und längsten Zwiebelrespen, beluden uns damit und schleppten sie zu Goethe, der uns nun befahl, sie an einer Schnur über seinem Schreibtisch zu befestigen. Das machte uns großes Vergnügen, und ich sehe noch in der Erinnerung die langen Dinger dichtgereiht über dem Schreibtische hangen.“

Wer’s mag. Gemüse wurde gern gesehn, er servierte der Frau von Stein auch bisweilen Spargel, den er selbst gestochen und im Ziehbrunnen gewaschen hatte, und die Liebe zu oder vielleicht sogar mit ihr („ich habe von seinem Spargel gegessen“) ging nicht zuletzt eben auch durch den immer wieder aufzufüllenden Magen: „Ich muß Ihnen noch einen Danck für das Wurst Andencken und eine Gute Nacht sagen.“

Wenn die Zwiebeln alle waren, wurden an ihrer Statt Trauben online durchs Geviert gehängt, wie die ehemalige Bedienstete Amalie Näther zu berichten weiß, aber so sehr er auch Früchte mochte – von Kirschkernen hielt Goethe überraschenderweise nicht viel. Eigentlich überhaupt nichts. „Kirschkerne wird niemand kauen; man kann sie verschlucken, doch nicht verdauen.“ Und eben mal auffädeln und ins Zimmer hängen schon gar nicht.

Wir sehen schon: wer schon früh mit Frankfurter Kranz und Frankfurter Grüner Soße traktiert und erzogen wurde, dem schmeckte später, bis auf wenige Ausnahmen, fast nichts: „Er liebte vorzugsweise Fische, Fleisch, Mehlspeisen, Kuchen und Süßigkeiten.“ (Dr. Vogel) Da bleibt dann nicht mehr viel. Folglich gingen ihm Anis und manche doldentragenden Pflanzen wie Petersilie und Kümmel ganz unaussprechlich auf den Sack, der stinkichte Knoblauch affizierte ihn sogar krankhaft, und mit Heißgetränken tat er sich auch nicht leicht. Gell, Dr. Vogel? Genau: „Kaffee, und zwar mit Milch, trank er nur zum Frühstück. Nach der Mahlzeit genossen, verursachte ihm derselbe von Jugend an Beängstigungen.“

Tabak

Am 21. August 1822 sagte Goethe, wie wenn er sich vor der Weltgeschichte hätte rechtfertigen wollen: „Ich habe keinen Tabak geraucht, nicht Schach gespielt, kurz nichts betrieben, was die Zeit rauben könnte.“ Philip Morris, Peter Stuyvesant, Zino Davidoff, das HB-Männchen – Goethe hätte sie alle als „vermaledeite Rattenfänger“ beschimpft und zur Strafe in die Raucherecke gestellt.

Und wärst du auch am fernsten Ort,
Zur kleinsten Hütte durchgedrungen,
Was hilft es dir? du findest dort
Tabak und böse Zungen.

Daß Rauchen schlank mache, hat Goethe nie behauptet – warum auch? Dick war er ja selber und Zigarettenautomaten gab es noch keine. Dafür aber seine böse Zunge: „Das Rauchen macht dumm; es macht unfähig zum Denken und Dichten. Es ist auch nur für Müßiggänger, für Menschen, die Langeweile haben, die ein Dritteil des Lebens verschlafen, ein Dritteil mit Essen und Trinken und anderen notwendigen oder überflüssigen Dingen hindudeln und alsdann nicht wissen, obgleich sie immer vita brevis sagen, was sie mit dem letzten Dritteil anfangen sollen. Für solche faule Türken ist der liebevolle Verkehr mit den Pfeifen und der behagliche Anblick der Dampfwolke, die sie in die Luft blasen, eine geistvolle Unterhaltung, weil sie ihnen über die Stunden hinweghilft.“

Bier

Da wir den alten Rauchverzehrer nun aber schon beim Wettern haben, lassen wir ihn auch noch gleich einen Gutteil seiner gewaltigen Bier-Verachtung abdrücken. Er, der einen starken Trunk bzw. einige Hektoliter Würzburger Tischweins stets über die Maßen zu schätzen wußte: „Zum Rauchen gehört auch das Biertrinken, damit der erhitzte Gaumen wieder abgekühlt werde. Das Bier macht das Blut dick und verstärkt zugleich die Berauschung durch den narkotischen Tabaksdampf. So werden die Nerven abgestumpft und das Blut bis zur Stockung verdickt. Wenn es so fortgehen sollte, wie es den Anschein hat, so wird man nach zwei oder drei Menschenaltern schon sehen, was diese Bierbäuche und Schmauchlümmel aus Deutschland gemacht haben. An der Geistlosigkeit, Verkrüppelung und Armseligkeit unserer Literatur wird man es zuerst bemerken, und jene Gesellen werden dennoch diese Misere höchlich bewundern.“


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