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Erotik Pur mit Flirt-Faktor - Die Leseprobe

Leseprobe

Schnafte knorke Szenesprech

Das Besondere an diesem Text ist, daß er, während Sie ihn lesen, weder weitergeschrieben noch ergänzt wird. Ganz im Gegensatz zum neuen „DUDEN-Wörterbuch der Szenesprachen“: „Das Besondere an diesem Buch ist, daß es, während Sie es in den Händen halten, weitergeschrieben und ergänzt wird.“ Wer dergleichen freudig verkündet, ist entweder Anfänger im enzyklopädischen Gewerbe oder Mitarbeiter eines umtriebigen Trendbüros. Oder beides. Die Hamburger Firma Trendbüro, einst von Matthias Horx als „Voll-Trendinstitut“ mitbegründet, um der Wirtschaft die Vertriebswege zur kaufkräftigen Jugend offen zu halten, durfte im Auftrag des Mannheimer Duden-Verlages den Jargon der Jugendlichkeit erforschen, ausdeuten und darlegen.

Spätestens seit dem Baustellenunglück von Babel ist der Mensch in der Lage, andere Menschen gründlich mißzuverstehen. Während aber Sprachbarrieren früher gerne entlang von Landesgrenzen verliefen, gehen sie heute kreuz und quer durch die Schar der Sprachkompetenten. Vor allem die körperdurchbohrte und ziegenbärtige Jugend, so geht die Klage, fühle sich mißverstanden und isoliert, denn adoleszent zu sein ist inzwischen ein ernsthafter Beruf mit dazugehörigem Fachchinesisch. Dieser geheimnisvolle Sozoilekt ist nun erlernbar und sein Vokabular, wie dieser dünnste aller Duden zeigt, durchaus begrenzt. Zahlreiche Mode- und Produktabbildungen machen das Werk auch für Rezipienten mit ausgeprägter Leseschwäche leicht konsumierbar.

Schon der auf dem Umschlag prangende Untertitel verweist auf das sprachliche Neuland, das hier betreten wird: „Herausgegeben von Trendbüro“. Weg mit den Old-School-Präpositionen, her mit dem Englisch-Wörterbuch! Szenesprache scheint vor allem darin zu bestehen, gängige deutsche Begriffe durch englische zu ersetzen; so wird das Langarmhemd zum „Long Sleeve“, die Pause zum „Break“ und unsere tägliche Seife zur „Daily Soap“.

Veraltete Szenevokabeln wie „knorke“, „schnafte“ oder „Ische“ fanden keine Aufnahme mehr, neue Fachbegriffe wie „geilomat“, „ultrabrontal“ oder „shmoov“ dagegen noch nicht. Dafür erteilt der oder das Trendbüro aber praktische Lebenshilfe, z. B. in Kleidungsfragen: „Fashion-Items, die auffallen oder als up-to-date gelten, sind ein Cowboyhut, eine Stola, eine Handtasche oder das Hightechhandy.“ Auch sprachlich werden wir geholfen: „Wer ‚Auf jeden Fall‘ meint, sagt ‚Auf jeden‘. Wer ‚Was geht ab?‘ fragt, sagt ‚Was geht?‘“

Was die Fortschreibung des Projektes angeht: die ist gesichert. Wärend das gerade gedruckte Buch schon wieder veraltet, wuchert im Internet der Ergänzungsband vor sich hin. „Wir suchen Autoren, die mitmischen wollen“, ruft Trendbüro unter www.szenesprachen.de in die Clubs und Diskotheken des Landes, „kreative Leute, die neue Wörter kennen und definieren wollen. Aktive Wordscouts, die das Duden-Wörterbuch der Szenesprachen auf und davon schreiben.“

Schon liegen erste Ergebnisse vor: „Chillen“, weiß ein gewisser „Chris“, „gibt nicht immer den Rückzug an. Man benutzt es auch für ganz alltägliche Sachen! Beispiel: ‚Laß mal hier chillen!‘“ Und eine „Klasse 10b“ aus Frankfurt teilt mit: „‚Schmal‘ Bezeichnet alle Dinge, die merkwürdig sind. Außerdem ist es auch als Gruß zu gebrauchen.“ Das wollen wir uns merken.

„Ich möchte, daß ihr alle in Zungen redet“, mailte der damalige Szene-Apostel Paulus an die Korinther. Sein Wunsch ging in Erfüllung, und die Freude darüber ist, zumindest im Szeneduden-Vorwort, unbeschreiblich. „Was dieser DUDEN beschreibt, ist die Strömung, die uns alle mitreißt und nach vorne treibt.“ Und da wollen wir auch hin. Schmal!

© S. Fischer Frankfurt 2002