AnarchoShnitzel schrieen sie - Die Leseprobe
Leseprobe
Punk – bis heute habe ich eine merkwürdige Schwäche für diese Musik, weil sie wenig, fast nichts mit Können zu tun hat, dafür aber viel mit Attitüde und Lebendigkeit. Ich mag die komischen, unernsten, schnellen Sachen genauso wie das primitive und harte Geschrubbe, wie es etwa die britische Band Exploited betrieb. Das hat so was krankhaft Konsequentes. Sie war es, die 1981 der noch zuckenden Leiche Punk entgegenschrie: „Punk’s Not Dead!“ Und allein auf ihrem phantasievoll benamsten Album „Fuck The System“ fand man neben dem gleichnamigen Titelstück auch noch Songs wie „Fucking Liar“ oder „You’re A Fucking Bastard“. Bei letzterem hatte Sänger Wattie Buchan nichts besseres zu tun, als insgesamt vierunddreißigmal die Zeile „You're A Fucking Bastard" zu brüllen, einundzwanzigmal „And A Shit Fuck Too“ und leider nur dreimal „And A Shit Cunt Too“ – und fertig war der Text.
Zu den hektischen Rhythmen von Punk habe ich die wichtigsten Erfahrungen meines Lebens absolviert: den ersten Geschlechtsverkehr, den ersten Autounfall, den ersten Kreuzbandriß und den zweiten Autounfall. Das kann mir keiner nehmen.
Den zweiten erlebte ich mit meinem zweitbesten Freund: Hollo. Mit ihm konnte man Briefkästen stehlen, nachts in aufgebrochenen Autos rauchen und fremde Post lesen und morgens die kommentierten und korrigierten Briefe mit dem Vermerk „So nicht!“ wieder bei den Absendern einwerfen.
Der Facharzt Dr. med. Jürgen Hollenbach ist, wie er heute gerne sagt, ein „angesehener Allgemeinmediziner“. Er kennt das Geheimnis des Lebens, hütet sich aber, mir dieses mitzuteilen. „Arztgeheimnis“, sagt er nur. Ich glaube, er ist ziemlich intelligent. Leider habe ich dafür keine Beweise. In gewisser Hinsicht ist mein Arzt ein grober Mensch, doch kennt er weder Falschheit noch Tücke. Hemmungen allerdings auch nicht. Er behauptet, eine Koryphäe „auf praktisch allen Gebieten“ zu sein.
Nach außen hin wird er durch einen wunderbaren Körper vertreten, von dem ein beliebtes Mallorca-T-Shirt behaupten würde, Bier habe ihn geformt. Die storchigen Beinchen sind in schwarze Jeans mit applizierten Fettflecken verpackt, die darauf geschickt balancierte zyklopenhafte Körpermasse kündet stolz vom gelernten Pykniker und seinen stillen Fettreserven. Gekrönt wird die imposante Erscheinung mit einem gewaltigen zapfen-, fast birnenförmigen Kopf samt Stirnglatze und Blumenkohlohren. Haare: ja, auch, aber das gibt sich. Seit wir unterwegs sind, seit vierundzwanzig Stunden, wurde er schon zweimal an Tankstellen für Guildo Horn gehalten. Mir ist das peinlich, ihm nicht. Dafür gibt er einfach zu gern Autogramme.
So flogen wir mit unserem nagelneuen Mercedes-Bomber über eine dreispurige Bundesautobahn nach Stuttgart. „Bevor wir in die Zone fahren“, hatte mein Arzt entschieden, „machen wir erst das mit Krämer klar. Wir müssen ihm Geld bieten, dann ist er sofort dabei.“ Das war klug gesprochen, offenbar hatte sich Hollo, dieser stetig schäumende Geist, eine gnadenlose Erfolgsstrategie für unsere Mission zurechtgelegt. Super, mein Kompagnon.
Jetzt war es kein Spiel mehr – jetzt war es Ernst. Der Schlund des Lebens stand sperrangelweit offen, und wir brausten furchtlos hinein. Einem Friseur zeigte ich ein altes Foto von Wattie Buchan, dann waltete er seines Amtes. Per SMS hatte ich mich – schließlich ging es in den deutschen Osten – beim Außenministerium in Berlin abgemeldet und beim Suchdienst des Roten Kreuzes meine Handynummer hinterlegt; mein Arzt hatte Impfpässe gefälscht und mehrere Auslandskrankenversicherungen abgeschlossen. Unsere Wohnungen hatten wir bei Mitwohnzentralen zur Zwischennutzung angeboten. So beschlossen wir, die blöde Bürgerlichkeit komplett und ungetrennt in die Tonne zu treten, der Administration Adieu zu sagen und zu einem neuen Leben aufzubrechen, einem Leben auf der Überholspur. Endlich!
Ich hatte Gefallen daran, plötzlich wieder ein echter Rockenroller zu sein. Zwar ging es mir ja ganz leidlich, nur an manchen Tagen fühlte ich mich seltsam, verbufft, malade, falsch abgelegt. Meistens an Tagen mit einem G hintendran. Doch ab heute würde alles ganz anders sein. Grimmig grinsend würde ich den ollen Abwasch einfach stehenlassen, nachts sogar das Licht brennen lassen und mit einem unendlich überlegenen Lachen Pfandflaschen in den Altglascontainer pfeffern. Ein Gefühl, das kein Spießer je kannte. So würden wir beide, mein Freund Hollo und ich, wild und verwegen den großen deutschen Traum leben.
Und das gerade noch rechtzeitig, buchstäblich „im letzten Moment“, wie mir Dr. Hollenbach erklärte. Denn nun, da es mit Deutschland „unweigerlich abwärts“ gehe, müsse man sich „losreißen und ausklinken“, um nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden. Eine neue, fatale Zeitrechnung habe nun begonnen, munkelte der Mediziner, als wir durch die württembergischen Weinberge preschten, eine neue „Ära der Verderbnis“, seit sich der „Jahrhundertkanzler“ G. Schröder auf eigenen Wunsch von der Macht hatte entbinden lassen. Einen florierenden, „gut aufgestellten“ Staat habe er hinterlassen, so Hollenbach, der nun „in aller Ruhe“ von Angela Merkel heruntergewirtschaftet, ja „abgestochen und geschlachtet“ werde.
Die „Schrödersche Lebensvison“, das sei die reale Hoffnung auf ein Leben „im erweiterten Kulturbegriff“, auf ein glückliches Dasein „in freier Obszönität“ gewesen, dröhnte der Dokter, und ich konnte nur staunen, was er alles wußte. Doch nun, unter der Regentschaft dieser „Ostwalze“, ramenterte er, werde alles wieder muffig „tödlich deutsch“ werden. Die Generation der früh und jäh Gealterten sei jetzt am Ruder, „die Pofallas, die Wulffs und die Kochs“, gierig streckten sie die wulstigen Finger nach uns aus, um uns zu locken, zu betatschen, zu zerquetschen. Es sei dies nämlich eine Generation der „verfickten Kaputtniks“, präzisierte der Dokter, und die steckten alle „mit dem Osten“ unter einer Decke! Am Ende, so Merkel, quatsch: Hollenbach, würde die Merkel, nur um ihr „perverses Zerstörungswerk“ fortzusetzen, sogar noch auf den Chaostagen in Hannover oder werweiß der Jahreshauptversammlung der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands sprechen. Da kenne diese „Schlampe“ rein gar nichts, schimpfte mein Beifahrer und rauchte vor Wut.
Ich versuchte mir Angela Merkel bei einem Punkkonzert vorzustellen. Wie sie, mit hängenden Lefzen ein hartes Lächeln sich verbeißend, eine Bresche durch schwitzende und stinkende Nietenjacken schlägt, ihre Leibwächter abhängt und sich dann zum wilden Pogo nach vorn in die Mosh pit stürzt. Szenenapplaus, Blitzlichtgewitter. Sie wird zum Stagediving auf die Bühne gehoben. Sie nimmt Anlauf. Sie lacht. Sie springt. Und keiner fängt sie auf. Fack! Kein schöner Anblick.
„Merkelferkel, scheiß drauf“, resümierte Dr. Hollenbach genial, schmierte einen Popel, nach dem er ausdauernd und beharrlich im linken Nasenloch geforscht hatte, unter seinen beheizbaren Ledersitz und steckte sich eine an.
„Es ist ja nur ein Leihwagen“, sagte er und warf den glühenden Wurzelholz-Zigarettenanzünder bei voller Fahrt aus dem Fenster.
© Rowohlt Berlin Verlag 2006


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